Michal Ajvaz: Passagen unter Glas
Roman – Aus dem Tschechischen von Veronika Siska.
456 Seiten | Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen | ISBN 978-3-911524-09-4
€ 30,00 [D] | € 30,90 [A] | bald auch als E-Book erhältlich

Die Entstehung von Kunst aus dem Nichts
Michal Ajvaz’ jüngster Roman (2024 auf Tschechisch erschienen) in der Tradition von E. T. A. Hoffmann und Raymond Roussel
Der Erzähler wird Zeuge einer seltsamen, fast symmetrischen Begegnung: Zwei Männer laufen in einer Leipziger Passage aufeinander zu und tauschen identisch aussehende Taschen aus. Als er sie später in einem Café sitzen sieht, gesellt er sich – neugierig geworden – hinzu.
Wer diesen philosophischen Künstlerroman, dieses formstrenge wie zugleich verschwenderisch verzierte Bauwerk zur Hand nimmt, auf den warten in Gestalt von gekonnt miteinander verbauten Binnenerzählungen Seitenflügel mit tausenden Kammern und Nischen, jede überwältigend in ihrer Wirkung und doch getragen von ruhiger Souveränität.
Großthema ist die Entstehung von Kunst aus dem Nichts; bei dieser wilden Kamerafahrt durch den menschlichen Geist dürfen sich Lesende selbst beim Denken zuschauen, sich von fließenden Metamorphosen in einen Flow hineinreißen lassen, sich dem Wuchernden und der sinnlichen Wucht hingeben. Dabei werden sie Zeugen einer interessanten Juxtaposition: Gegenstände, Gewächse und glitzernde Oberflächen sehen sich von ihrer vermeintlichen Banalität erlöst und wirken oft lebendiger als die aus der Masse bewusst nicht ausscherenden Menschen. Prägnante Solo-Rollen haben etwa ein namenloser Roboter oder aber ein Einzelgänger namens Angelo inne; ihren Szenen wird auch ein Übermaß an geradezu sentimentaler Intensität zuteil. Auf diese müssen die meisten menschlichen Handlungsträger verzichten, nicht zuletzt ein deutlicher Wink in Richtung KI.
Frei nach dem u. a. von Michel Foucault geadelten Vor-Surrealisten Raymond Roussel werden nach dessen Bauprinzip, einer klanglich-assoziativen Methode, aus dem Vornamen Andrée der Andréide (Roboter), aus E. T. A. Hoffmann wird Hugo von Hofmannsthal. Angelos Idiotie steht (ähnlich Dostojewskis Der Idiot) für die Geschichte eines vermeintlichen Defekts, der mangels konventioneller Wertungsschemata Freiheit im Kopf erst ermöglicht, aber in seiner Naivität auch tragikomische Züge aufweist. Zahlreiche surrealistische Elemente wie z. B. ein fliegendes Auge (Odilon Redon) vervollständigen das Bild.
Wer sich auf diesen Roman einlässt, dem schwinden mit größtem Erkenntnisgewinn sämtliche seiner Sinne; am Ende werden ganze Passagen der wahrnehmbaren Welt nicht mehr die gleichen sein.
Nach Die andere Stadt (2025) erscheint mit Passagen unter Glas der zweite Roman aus Michal Ajvaz’ Gesamtwerk im Allee Verlag. Der Roman stand 2025 auf der Longlist des Magnesia-Litera-Preises.
Michal Ajvaz (*1949) knüpft mit seinem Werk an die Prager deutsche Literatur wie Franz Kafka und Gustav Meyrink sowie an Alfred Kubin an, aber auch an tschechische Surrealisten. Er ist Träger des tschechischen Staatspreises für Literatur (2020), des Prix Utopiales (2015), des Magnesia-Litera-Preises (2012) sowie des Jaroslav-Seifert-Preises (2005). Sein Werk wurde bislang in 24 Sprachen übersetzt.
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